Nachruf auf Mick Green (The Pirates)           

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Ich habe es erst vor ca. 10 Tagen erfahren, aber die Tragödie ereignete sich bereits am 11. Januar dieses Jahres. Mick Green, Gitarrist der Pirates ist verstorben. Mir ist nichts näheres bekannt, aber ich vermute mal: Herzversagen. Vor Jahren schon, als Mick Green Teil von Bryan Ferry´s Tourband war, erlitt er auf offener Bühne einen Herzinfarkt und konnte nur gerettet werden, weil sich im Publikum ein Arzt befand, der in der Lage war, alles nötige zu tun und zu veranlassen. 

Mick Green wurde immerhin 65 Jahre alt. Für mich persönlich ist er der genialste Gitarrist überhaupt gewesen, vor allen anderen. Somit stehe ich komfortabel im Kreise von Bewunderern wie, unter vielen anderen, Jimmy Page oder Ritchie Blackmore, Paul Mc Cartney, nicht zu vergessen Wilco Johnson, original Gitarrist von Dr. Feelgood, der Mick´s Gitarrenstil nicht nur exakt zu kopieren, sondern auch zu verfeinern wusste und weiss. Die urwüchsige Energie des Originals konnte er bis dato jedoch nicht rüberbringen. Der rauhe, urwüchsige, percussive Gitarrensound Mick Greens bleibt bis heute unerreicht. Er konnte simultan Lead - und Rhythm Guitar spielen. Man hörte definitiv zwei Gitarren. In hochgradigen Musikerkreisen als Kollege und Sessionmusiker überaus geschätzt, ist ihm die gebührende Anerkennung und der Ruhm für seine Kunst und sein Schaffen bis heute leider verwehrt geblieben. Und ich fürchte, daran wird sich auch nach seinem Tod nichts ändern. 

Populär wurde Mick, als der recht erfolgreiche britische Rock n´ Roller Johnny Kidd (Komponist und Interpret des Überhits `Shakin´ All Over´ (1960) gegen Ende 1962 mal wieder seine Begleitband, The Pirates, austauschte. Gut zwar Jahre lang waren Mick Green (Gitarre), Johnny Spence (Bass) und Frank Farley (drums) seine Mitstreiter und avancierten sich durch ihren toughen rauhen Sound schnell als ultimative Pirates - Besetzung, bei Livepublikum und Kritikern gleichermassen hochgeschätzt. Dennoch begann Kidd Ende `64, Anfang `65, aus kommerziellen Gründen, die Musiker langsam gegen neue zu ersetzen. Diese wurden wiederum ersetzt, bis überraschend Johnny Kidd an den Folgen eines Autounfalls, an dem niemand ausser er selbst beteiligt war, verstarb. Johnny Spence und Frank Farley arbeiteten mittlerweile in bürgerlichen Berufen. Mick Green verdiente sein Geld als Session - und Livemusiker für Leute wie Engelbert Humperdinck. In den frühen Siebzigern gründete er mit Nick Simper, (ex Deep Purple - Bassist), die kurzlebige und kaum beachtete Formation Shanghai. 

Es war Ende 1976: Punk kam im United Kingdom auf und revolutionierte die Musikwelt. Simple, aggressive und bodenständige Rockmusik war plötzlich up to date. Den Grundstein dafür legten die sogenannten Pubrockbands wie Dr. Feelgood, Ducks Deluxe, Eddie and the Hot Rods, Brinsley Schwartz und viele mehr, die durch den Sog des Punk - Booms ebenfalls zu Ruhm und Anerkennung gelangten, fälschlicherweise jedoch seitens der Presse und den Plattenlabels auf die gleiche Schiene mit den eher talentfreien Punkbands geschoben wurden. Genau in dieser Zeit witterten Green, Spence und Farley Morgenluft und reformierten sich spontan als The Pirates. Furiose erfolgreiche Livegigs folgten, und 1977 erschien das erste Album `Out Of Their Skulls´. Die erste Seite live, die zweite Studio erschien eine Scheibe auf der Bildfläche, die durch rauhen und dreckigen Rock n´ Roll glänzte. So etwas hatte es in der Intensität noch nicht gegeben. Die Pirates waren rauher, kompromissloser als alle anderen, glänzten jedoch mit hochbegabter Musikalität. Das zweite Album `Skull Wars´ ging noch einen Schritt weiter: Ausgestattet mit einer satten, fetten Produktion, wurde vornehmlich neues Studiomaterial geboten, jedoch aufgelockert durch die eine oder andere Liveaufnahme zwischendurch. Ein wahres Meisterwerk! Die Plattenverkäufe konnten den Liveerfolgen der Band jedoch nicht standhalten, und so verlor die Band ihren Major Deal bei Warner Brothers. Die nächste Scheibe `Happy Birthday Rock n´ Roll!´ von 1979, erschienen auf dem kleineren britischen Label Pye ist klasse, jedoch soundmässig stark geglättet und eher kommerziell ausgerichtet. Dennoch ein starkes Stück Rock n´ Roll, und ich mag gerade diese Platte besonders gern. Ein totaler Flop, dennoch hat es für einen US - Release unter dem Titel `Hard Ride´ mit anderem Cover und anderer Songreihenfolge gereicht. 1981 erschien auf dem britischen Themenlabel Edsel das vorläufig finale Album der Originalbesetzung. Härter, dreckiger und ungestühmer als je zuvor gab es Coversongs, viele davon schon auf den ersten beiden Alben in anderen Versionen erschienen, die mit unglaublicher Power und Intensität eingespielt wurden. Meine absolute Lieblingsscheibe der Band! Die 1982 erschienene `Peter Gunn´ - EP mit Gastsänger Lou Rich enttäuschte jedoch vollauf. Das instrumentale Titelstück, live auch bereits auf `Out Of Their Skulls´ vertreten, konnte noch überzeugen, aber ansonsten gab es London - Swing, Reggae und eine Prog - Rock - Ballade. Das waren nicht mehr The Pirates, wenn sich jedoch live zum Glück nichts geändert hat. Ende 1983, erschien in Schweden noch eine Single. Johnny Spence war mittlerweile nicht mehr dabei. Für ihn kam John Gustafson (ex Roxy Music), der Johnny am Bass, jedoch nicht Gesang perfekt das Wasser reichen konnte. Wie auch immer: Die Single `Lights Out´ bot wieder besten Pirates - Stoff allererster Güteklasse. Die Band brach auseinander. Mick veröffentlichte 1996 die leider eher schwache Solo - EP `Painkiller´. Ab 1988 folgten diverse Pirates Besetzungen. Das erste neue Album `Still Shakin´, bestehend aus Remakes alter Pirates - Klassiker, sowie gut rock n´ rollender Coverversionen, liess in seiner rauhen Ungestümheit fast den Schmerz über den Verlust der original Band fast vergessen machen. Die Besetzung bestand derzeit aus Mick, John Gustafson und Geoff Britton (ex Wings, ex Rough Diamond). Geoff verliess kurz darauf die Band, für ihn kam Les Sampson an den Drums. Und genau in dieser Besetzung habe ich die Pirates zum ersten mal live erleben dürfen. Es war anlässlich der Silvesterparty von `88 zu `89 in der Hamburger Markthalle. Solch eine geballte Rock n´ Roll - Power hatte ich bis dato, und auch danach eher selten, kaum zuvor erlebt. Das ging so richtig ab!!! Ich war, wie meist, mit meinem besten Freund Jan da. Und nach der Show, es war bereits blutjunges 1989, hatten wir die Gelegenheit, die Pirates persönlich zu treffen. Alle waren supernett! Wir waren backstage und haben doch relativ viel Zeit miteinander verbracht. Viel geredet, Autogramme bekommen und Jan und ich haben sogar, im Wechsel,  ein paar gemeinsame Fotos mit der gesamten Band machen können. Die sind natürlich nicht digital, aber ich muss sie, sobald ich wieder über einen Scanner verfüge, mal einblubbern und hier veröffentlichen. Auf jeden Fall: Speziell Mick hat sich an diesem Neujahresmorgen als supernetter und freundlicher, sowie informativer Gesprächspartner erwiesen. 

Ab 1994 gab es dann eine neue Pirates - Besetzung mit Mick (Gitarre, Gesang), seinem Sohn Lloyd am Bass, Andrew Golden an den Drums und Keyboards, sowie Pete Taylor am Gesang, Harmonica und Percussion. Das Album in der Besetzung, `From Calypso To Colapso´ besass jedoch nur abgeschwächtes Rock n´ Roll - Feuer vergangener Tage. Ansonsten besteht die Scheibe weitgehend aus eher progressivem Rock. Zeitgleich gründete Mick Green in seinem derzeitigem Aufenthaltsland Norwegen eine zweite Pirates - Formation, deren Albumveröffentlichungen `We´ve Been Thinkin´´ (1996) und `Land Of The Blind´ (1998) nicht unähnlich der `From Calypso...´ - Scheibe sind, jedoch schon wesentlich mehr in Richtung Rock n´ Roll - Power der original Pirates tendieren. Die englische Pirates - Version haben Jan und ich im Oktober `98 im Hamburger im CCH, Halle so und so, keine Ahnung mehr, wo genau, im Rahmen eines Beat Club - Festivals, original mit Uschi Nehrke, gesehen. Live wirklich klasse, und nur die alten Klassiker gespielt. Nach der Show traf ich Mick´s Sohn Lloyd im Publikum, der sich als supernetter Gesprächspartner erwies. Auf die Frage hin, ob es möglich sei, seinen Vater zu treffen, überliess er mir sogar suuuuper - freundlicherweise seinen Backstagepass, der mir unbeschränkten Zugang hinter die Kulissen gestattete. Dort traf ich erst einmal auf Glitterband - Mitbegründer Harvey Allison, der derzeit Saxophon für den ebenfalls im Rahmen der Veranstaltung aufspielendem Screaming Lord Sutch bliess. Supernetter Smalltalk, und ich konnte mich in meinen eigenen Arsch beissen, dass ich nichts entsprechendes zum Signieren dabei hatte. (Aber auf so etwas soll einer erst einmal kommen...) Kurz danach traf ich Mick. Supernett, wie schon beim ersten Treffen, hatte ich ein tolles Gespräch und bekam bereitwillig Autogramme auf alle meiner mitgebrachten Plattencover. 

Das Jahr 2000: Die Sensation: Die Pirates haben sich wieder in ihrer Originalbesetzung Green / Spence / Farley zusammengefunden. Dieses wurde durch gut besuchte Liveshows entsprechend honoriert. Speziell Japan´s Jugend hatte diese Besetzung mittlerweise in den Status einer Kultband erhoben. Logischerweise erschien dort noch im selben Jahr das Album `Live In Japan 2000´, mitgeschnitten in grösseren Hallen mit reichlich Publikumsresonanz. i

2002: Jan und ich hatten gerade Bryan Ferry live auf der Freilichtbühne des Hamburger Stadtparks gesehen. Tolles Konzert, tolle Begleitmusiker. Darunter als Gitarristen niemand Geringere als Mick Green und Chris Spedding.Da bei Stadtparkkonzerten immer eine gute Chance besteht, die jeweiligen Interpreten nach dem Gig am Ausgang für Autogramme zu treffen, war ich gut ausgerüstet mit Bryan Ferry-, sowie auch bis dato unsignierten Pirates - CD Covern. Das mit Bryan Ferry hat auch gut geklappt, aber bereits vorher kam Jan und mir auf dem Fussweg, welcher am Areal vorbei führt, in Begleitung einer Frau, Tourmanagerin oder in ähnlichem Job, entgegen. Kurz angesprochen, und er hat glatt alle meine Cover signiert, und noch etwas zu jedem erzählt. Er hat sich richtig Zeit genommen dafür. 

Das war Mick Green. Ausgestattet von überirdischen musikalischen Fähigkeiten, musikalisch erfolgreich, weltweit bekannt und anerkannt, und dennoch voll auf dem Teppich, völlig frei von Starallüren und Arroganz.

2005 brach die original Pirates - Besetzung erneut auseinander: Drummer Frank Farley musste aus gesundheitlichen Gründen aussteigen. Für ihn kam Mike Roberts. 2006 erschien in dieser Besetzung das wohl letzte Pirates - Album `Skull Duggery´. Ähnlich wie einst `Still Shakin´´ (1988) ein Mix aus Re - Recordings alter Klassiker plus ein paar neuer Coverversionen. Absolut super, obwohl: Der Sound ist für die Pirates leider zu harmlos und zu glatt geraten. 

Mein absoluter Traum, die Pirates mal live in Originalbesetzung, oder zumindest in der letzten Besetzung, zu sehen, ist jetzt leider für immer geplatzt. 

Mach´s gut, Mick! Ich bin verdammt glücklich, dir mehrmals persönlich begegnet gewesen zu sein. Ich bin sehr traurig. Der Rock n´ Roll hat durch deinen Tod einen grossen schmerzlichen Verlust erlitten. 

Frank, 22.04. 2010

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   
   

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